Montag, 17. Mai 2021

Halbjude- die Kontinuität des Nazidenkens

   

Mein Leben lang habe ich meinen Vater als Halbjuden bezeichnet und meine Schwestern und mich als Vierteljüdinnen. Aus meinem Verständnis heraus, weil sein Vater jüdisch war und seine Mutter nicht. Warum aber wurde er nicht als „Halbkatholike“ bezeichnet, obwohl seine Mutter katholisch war? Da liegt der Hase begraben. Sicher: mit der Zuordnung zum jüdisch sein in Form der Bezeichnung Halbjude oder Vierteljude hat man sich direkt der Opferseite zugeordnet und sich von der „Täterabstammung“ distanziert. Bei genauer Betrachtung auch das fadenscheinig: Vater hat von 1939 bis 1942 in der Wehrmacht gedient. Den Frankreichfeldzug mitgemacht, und in diesem Zusammenhang gemäß heutiger Betrachtung sich sicherlich an Unrechtshandlungen beteiligt. Immerhin hat er aus Frankreich wertvolle Geschenke in die Heimat geschickt: Porzellan, schöne Stoffe etc. Wohl kaum vom mageren Soldatensold erworben.

Was also ist ein Halbjude und wie ordnet man ihn zu?

Zum ersten Mal bin ich darauf gestoßen, dass wohl eine andere Ideologie hinter der Bezeichnung steckt, als das was ich immer dachte, als ich meinen Vater und seine erste Tochter in den Unterlagen der Volkszählung von 1939 fand. Bei meinem Vater war unter „Rasse“ das Kürzel JJ/NN verzeichnet, bei meiner Schwester JN/NN. Also konnte es hier nicht um die Abstammung vom Vater gehen, sonst wäre es ja J/N bei beiden gewesen.

Die Nationalsozialisten fokussierten sich auf die Juden als Staatsfeinde und Parasiten der Gesellschaft und strebten deren Vernichtung an. Wie aber sollte man einen Juden definieren, um ihn selektieren und als Feind kenntlich machen zu können? In Deutschland lebende Juden waren in aller Regel „Reichsdeutsche“. Sie hatten einen Platz in der Gesellschaft, waren etabliert, brachten Geistesgrößen, Musiktalente, erfolgreiche Unternehmer hervor und befruchteten die kulturelle Szene. Sie waren Teil des Alltagslebens, der Arbeitswelt und des sozialen Umfelds. Man konnte sie nicht anhand ihres Aussehens selektieren, große Nasen und dunkle Haare kommen in allen Volksgruppen vor, wie sich unschwer an etlichen Nazis erkennen lässt, denken wir an Hitler selbst oder an seinen Adlatus Göbbels. Ebenso sind Blauäugigkeit und blondes Haar bei jüdischen Menschen zu beobachten. Rassisch ließ sich also eine Zugehörigkeit nicht festlegen. Ein Problem größeren Ausmaßes für die Nationalsozialisten, mit dem sich höchste Kreise und eine Vielzahl von Behörden und Vordenkern beschäftigten. Die Lösung war dann, was im Rahmen der Nürnberger Rassengesetze die nun festgelegten Diskriminierungen, Progrome, Entrechtungen und Verfolgungen rechtfertigte: die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion! Was aber, wenn die betreffenden Personen sich vom jüdischen Glauben lösen würden, sich taufen ließen? Um dieses Problem zu umgehen, hatten sich die Nazis eine besondere Wendung ausgedacht: die religiöse Zugehörigkeit der Großeltern sollte entscheiden, wer und zu welchem Grad er Jude ist! Die Großeltern waren meist schon verstorben oder würden kaum ihren Glauben aufgeben. Die Möglichkeiten sich dem „Judenstempel“ zu entziehen waren damit gering.

Hatte jemand also vier Großeltern jüdischen Glaubens, so wurde er als Volljude bezeichnet (JJ/JJ). Waren drei Großeltern jüdisch war man Dreivierteljude (JJ/JN) und bei zwei jüdischen Großeltern Halbjude (JJ/NN) usw.

Die sog. Mischlinge, die Halbjuden, waren Wesen zwischen Baum und Borke und bereiteten den Nazis Kopfzerbrechen. In ihnen floss arisches Blut, sie hatten arische Mütter, Väter, Großeltern. Sie in gleicher Weise zu misshandeln, wie die sog. Volljuden könnte Widerstand in der Bevölkerung entstehen lassen. So gab es zwar auch für sie in gewissem Maße ab 1935 Einschränkungen und Entrechtungen, wie beispielsweise ein Verbot arische Partner zu heiraten, bestimmte Berufe zu ergreifen oder beizubehalten etc. Sie hatten aber das fragwürdige Privileg in den Wehrdienst eingezogen zu werden, arbeiten zu gehen und ihre Wohnungen behalten und bei ihren arischen Ehepartnern bleiben zu dürfen. Sie entgingen dem Arbeitsdienst und der Gefangennahme. Erst ab 1940 „durften“ sie nicht mehr Soldat sein und ab 1942 mit der Entscheidung über die „Endlösung“ waren auch sie in Lebensgefahr.

Wenn wir also heute die Bezeichnungen „Halbjude“ oder "Vierteljude" etc. verwenden, so setzen wir damit eine Klassifizierung fort, die sich die Nationalsozialisten ausgedacht haben, um ihr Vernichtungswerk administrativ und logistisch wirksam und erfolgreich durchzuführen. Die aber jeder Vernunft und Wissenschaft entgegensteht. Ahnungslos benutzen auch heute noch intellektuelle, liberale und aufgeklärte Menschen diese Termini und setzen damit unwissentlich die ungerechtfertigte und stigmatisierende Kategorisierung fort.

Mitnichten kann und werde ich mich also zukünftig als Vierteljüdin bezeichnen!

Mein Vater war kein Halbjude sondern ein deutscher Katholik mit einem jüdischen Vater, der von dem Staat in dem er lebte und für den er in den Krieg gezogen ist, zu etwas gemacht wurde, was gar nicht existiert. Einzig und allein, um den Rassen- und Vernichtungswahn der Nationalsozialisten möglich zu machen.

Aber dennoch, es gibt sie, eine ethnische Zuordnung. Das Ergebnis meines DNA Testes weist mich zu 14,4% als Aschkenasische Jüdin aus. Ich trage also Erbteile der Juden in mir, die im frühen Mittelalter die Alpen überquerten und in Nord- und Mitteleuropa siedelten. Aufgrund von Progromen, Kriegen und Vertreibungen führte die Siedlungsbewegung weiter nach Ost- und Südosteuropa, wo sich große jüdische Gemeinden bildeten und woher auch meine Urgroßeltern und Großeltern stammen. Durch die jahrhunderte alte Tradition der Endogamie (d.h. Verheiratung nur zwischen Angehörigen der eigenen Volks-/ Religionsgruppe) haben sich die genetischen Merkmale bis heute deutlich nachweisbar erhalten. Betrachte ich meine DNA Matches, d.h. die von MyHeritage herausgefilterten Personen, die einen gewissen Anteil genetischer Übereinstimmung mit mir haben, dann bin ich mit 1000en aschkenasischen Personen vor allem in den USA aber auch in aller Welt im 3.-5. Cousinengrad verwandt.

Eine ethnische Zuordnung jüdischer Herkunft ist also genetisch möglich. Seien wir froh, dass die Nationalsozialisten das nicht wussten. Und seien wir uns alle bewusst: es gibt sie nicht "die" Biodeutschen, "die" Schwarzen, "die" Juden. Wir alle sind eine bunte Mischung aus allerhand ethnischen Gruppen und genetischen Mischungen. Und die Genetik zeigt uns auch, dass nichts 1:1 an die Kinder weitergegeben wird. Jeder ererbt eine bunte Mischung zusammengewürfelter Gene von Vater und Mutter und den Vorfahren und bildet sein ganz persönliches, wunderbares Genom. Selbst bei jedem Geschwister kommt eine andere und ganz eigene Mischung zustande.

Wir sind also alle ganz unterschiedlich und in dieser Unterschiedlichkeit alle gleich.

Und ich bin eine Person mit askenasischem Hintergrund.

Mittwoch, 23. Dezember 2020

Morbus Corona- die Corona Lähme

Vor 9 Monaten war ich zum letzten Mal im Kino. Corona war noch neu und wir hatten keinen Schimmer davon, wie das weitere Jahr 2020 verlaufen würde.

Nun haben wir dieses annus horribilis bald hinter uns gebracht. Obwohl ich seit erwähntem März nicht nur nicht im Kino war, sondern auch einen geplanten Österreichurlaub mit der Familie absagen musste, kein einziges Livekonzert mehr erleben durfte, mein erster Besuch der Bayreuther Festspiele ausfiel, es mir nicht gelungen ist, Eintrittskarten für die wenigen stattfindenden Ausstellungen zu ergattern und unser Sohn seine Hochzeit absagen musste (!), ist es mir über den Sommer hin bis in den Herbst hinein gelungen, mich bei Laune zu halten. Für die Maßnahmen der Regierung habe ich Verständnis aufgebracht und mich nicht meiner Freiheit beraubt gesehen. Das Maske tragen ist mir nur marginal und aushaltbar unangenehm. Auf langen Wanderungen mit meinem Hund, z.T. mit (der erlaubten) netten Begleitung, habe ich viel neues in Berlin und umzu kennengelernt. Der Bücherbaum in unserer Nachbarschaft hat es mir erlaubt, kostenfrei viele Bücher zu lesen und die viele freie Zeit zu füllen. Ein paar Kurzurlaube innerhalb Deutschlands haben mir ein Wiedersehen mit Freunden und schöne Erlebnisse beschert. Mit meinem Mann bin ich 24/7 in unserer kleinen Wohnung zusammen, ohne dass es zu Erschütterungen unserer Beziehung gekommen wäre.

Dem Grunde nach habe ich keinen Anlass zu klagen. 

Die im Herbst rasant ansteigenden Infektions- und Todeszahlen sickerten aber auch bei mir langsam ein und begannen mir ein diffuses Unwohlsein zu verursachen. Den jetzigen zweiten Lockdown habe ich schon beinahe herbeigesehnt und auf jeden Fall begrüßt. Ich stelle mich darauf ein, dass das eingefrorene Leben noch mindesten bis zum Frühjahr Bestand haben wird. Und dass nach Weihnachten wegen unvermindert ansteigender Infektionen eine Ausgangssperre verhängt wird. 

Hat diese Pandemie mit allen ihren Begleiterscheinungen mich also gar nicht betroffen/ beeinträchtigt?

Doch, mein Leben hat sich nicht nur äußerlich verändert. Auch ich bin nicht mehr die Gleiche. Heute schreibe ich hier seit Monaten das erste Mal. Wo ich doch so gern und begeistert geschrieben habe. Mein Buchprojekt habe ich ebenfalls seit Monaten nicht weiterverfolgt. Die feste Überzeugung, dass mir nichts einfallen wird und ich nicht vorankommen werde, hält mich davon ab, das Manuskript wieder in die Hand zunehmen. Hatte ich bisher immer den missionarischen Eifer, nach der Lektüre eines guten Buches mit einer Rezension in meinem Blog Freunde und andere für den Lesestoff zu begeistern, lese ich jetzt ein Buch nach dem anderen und weiß selbst nach kurzer Zeit schon nicht mehr, wovon die handelten.

Und überhaupt: das Leben ohne Termine, ohne geplante Unternehmungen, mit wenigen Verabredungen und Vorhaben verliert so sehr an Struktur, ist so gleichförmig, dass ich die wenigen Aktiivitäten, die vor mir liegen, am Ende vergesse. 

Vergesslichkeit! Okay, stimmt, das war schon immer eine meiner Schwächen. Schon manche skurrile Situation in meinem Leben ist ihr geschuldet. Aber die jetzige Dimension der Vergesslichkeit ist doch auffällig. Erst als Hundi sein Häufchen unterwegs machte fiel mir auf: nicht nur die Beutel vergessen, sondern gleich die ganze Tasche mit Schlüsseln, Telefon und Maske etc. Wem habe ich jetzt eigentlich schon eine Weihnachtskarte geschickt? Kein Plan. Die wenigen Termine (Friseur, Zahnarzt): vergessen!

Für mich ein klarer Fall von Morbus Corona, zu deutsch Corona-Lähme. Ich hoffe, dass wir in 2021 sowohl Corona als auch die Folgesymptome des Lockdowns hinter uns gebracht haben und meine Lähme geheilt wird. Für mich soll es das Jahr des Erinnerns und der Umarmungen werden 💡 ❤


Sonntag, 12. April 2020

Was übrig bleibt- oder ein Ende im Müllcontainer

Neulich wollte ich eine Besorgung machen und beobachtete vor unserem Haus eine Frau, die aus einem am Straßenrand aufgestellten Müllcontainer einige Bücher herausgefischt hatte. Oh- vielleicht war ja ein Buch dabei, dass nach mir rief! Mir setzte fast das Herz aus, als ich dann vor dem Container stand. Es waren nicht etwa einige Bücher im Müll gelandet: der ganze Container war voller Bücher!!! Einbände, z.T. noch eingeschweißt und mit Preisschildern, Bildbände, noch neu verpackte Ausgaben des "Kulturforum", Karten von Berlin und Umgebung und ... und ... und.
Thematisch eine bunte Mischung: Sachbücher über Kunst, Kultur, Geschichte, Politik, Digitale Medien; Bücher von Aust, Harpprecht, Precht, Richter uvm.; Romane von Wolfe, Ruiz Zafón, Le Carre, Mann, Evers und anderen; Biografien über Brecht, Dietrich, Schneider bis Müller-Stahl und Willemsen.

Was für ein Frevel, Bücher in den Müll zu schmeißen! Während ich noch fassungslos in den Mengen wühlte kamen zwei junge Männer und brachten weitere Kisten mit Büchern, die hinzugeschüttet wurden. Auf die entsetzte Frage, wer denn um Himmels Willen Bücher wegschmeißt erklärten sie, dass ein Bekannter gestorben sei und dieses NUR die unverkäuflichen Reste!!! seiner Bücher seien.



Schließlich trug ich gute Beute nach Haus und sinnierte darüber, was für ein Mensch der Verstorbene wohl gewesen war. Warum hatte er so unendlich viele Bücher gesammelt? Hat er sich für irgendein Thema wirklich interessiert? Die Bandbreite der Themen ließ keinerlei Rückschluss zu. War hier ein Horter verstorben? Hatte er zwanghaft Bücher und Printprodukte gekauft, wahllos und ohne Chance die schiere Menge an Lesematerial je bewältigen zu können?

Eine Internetrecherche brachte etwas Licht ins Dunkel. Die auf einigen Buchrücken genannte Adresse führte zu Robert Schmitt. Er wohnte nur zwei Häuser neben uns, aber niemals habe ich den unscheinbaren Mann wahrgenommen. 2017 hatte der Künstler Gegor Hildebrandt den Sammler auf dessen Einladung hin besucht und den Vorschlag entwickelt, die unendliche Sammlung von Zeitschriften und Zeitungen, die sich in der Wohnung stapelten, als Installation auszustellen. Für ihn waren die Türme von Druckerzeugnissen kein Abfall sondern eine lebendige, philosophische Skulptur.  Hildebrandt war so fasziniert, dass er das Material als rohen Inhalt einer künstlerischen Konzeptarbeit erkannte und in seiner Galerie in Berlin ausstellte.

Robert Schmitt beschreibt den Zeitpunkt, an dem es zu diesem Treffen mit Hildebrandt kam, in einem Interview als: "... eine Periode persönlicher, psychischer und organisatorischer Transformation... Stapel von Druckerzeugnissen hatten sich aufgetürmt: Zeitungen, Magazine und Bücher." (Interview siehe unten)

Hier erklärt sich also die Flut von Büchern, die schließlich im Container landeten. Offensichtlich hatte Schmitt zwanghaft eingekauft und gesammelt, und irgendwann den Überblick verloren. Bezeichnenderweise hatte er seine Ausstellung "I paid for content and I´m proud of" ("Ich hab für Inhalt bezahlt und bin stolz drauf").

Am Ende landete das, worauf er stolz war, in einem Müllcontainer. Ein trauriges Ende- des Lebens von Robert Schmitt und des bezahlten Inhalts.

Gottseidank fanden sich im Laufe der letzten Tage immer wieder Inhaltsretter, die wenigstens einem Teil der Bücher ein neues Leben ermöglichen und sie in den Kreislauf zurückführen. Der Inhalt macht vielleicht nun jemand anderen stolz.

Die Frage ist: Was bleibt, wenn wir gehen?

Interview mit Robert Schmitt- ArtNews, 2018

Freitag, 4. Oktober 2019

Berliner Schnauze- oder einfach nur rotzfrech?

Nun ist der Norddeutsche nicht gerade für seine Fröhlichkeit und Zugewandtheit bekannt. Eher kühl und unaufgeregt kommt er daher und braucht ein Weilchen, bis er mit Fremden warm wird. Im Gegensatz zu Rheinländern und anderen Süddeutschen sucht er im Restaurant nach einem leeren Tisch und käme nie auf die Idee, sich zu anderen Gästen zu setzen. Da verlässt man eher den gastlichen Ort und sucht woanders freie Plätze.

Was ich erst nach meinem Umzug nach Berlin realisiert habe: der Norddeutsche ist ein überaus freundlicher und höflicher Mensch!

Der raue Umgangston in Berlin war für mich der größte Kulturschock, als ich in die große Stadt kam. Noch nie bin ich in meinem beschaulichen hannoverschen Leben im öffentlichen Straßenraum so oft angeranzt worden wie in Berlin. Niemals zuvor wurde ich so häufig angerempelt. Ja, ahnungslos die Straße entlang spazierend wurde ich plötzlich von einem Mann angebrüllt, der meinte ich dürfe auf keinen Fall meinen großen Hund in der Stadt halten und mir dieses aggressiv und lautstark entgegen schrie.  Der Berliner hat insgesamt eine sehr individuelle Vorstellung davon was rechtens ist und ist bereit sein vermeintliches Recht sofort und mit allen Mitteln durchzusetzen. Bestes Beispiel dafür sind die hiesigen Fahrradfahrer. Sie haben auf der Straße, auf dem Fahrradweg und auf dem Bürgersteig uneingeschränktes Vorfahrtrecht. Wer nicht beiseite springt, wenn der berliner Radfahrer von seinem Recht gebraucht macht grundsätzlich mit Höchstgeschwindigkeit dem Ziel entgegen zu sausen, der läuft Gefahr gnadenlos umgefahren zu werden. Da spielt es keine Rolle, ob man alt oder jung, Kind oder Hund ist.

Wie schön war es auch, dass in der alten Heimat die Fahrradfahrer geklingelt haben, wenn sie sich einem von hinten nähern! In Berlin gehst Du seelenruhig auf dem Bürgersteig und erschrickst zu Tode, weil Du plötzlich eine Bewegung in Deinem Rücken spürst. Bevor Du den Schreck überwunden hast ist der Sprinter schon längst auf und davon und an Dir vorbeigezischt.

Aber nicht nur die Fahrradfahrer zeichnen sich durch mangelnde Rücksichtnahme und null Benimm aus. Morgens beim Bäcker ein fröhliches "Guten Morgen"? Vergiss es. Beiseite treten um jemanden durchzulassen, wenn man selbst den Gehweg versperrt? Pffffhhh. Freundlich darum bitten das jemand beiseite tritt? Nee, wegbrüllen ist angesagt. Auf die nächste Bahn warten (4-Minuten-Takt!!!) wenn der Wagen schon rappelvoll ist? Ha, ha, reinquetschen und die anderen anmeiern, die nicht wissen, wo sie hintreten sollen, um den Rüpel mitfahren zu lassen.

Hier eines meiner (harmlosen) ersten Erlebnisse der Berliner Art:

In der Nähe der Wohnung meiner Tochter hatte ich einen kleinen Friseurladen entdeckt und kam auf die Idee, mir die Haare machen zu lassen. Als ich auf den Laden zukam, lehnte eine Frau im Türrahmen, versperrte den Zugang und paffte eine Zigarette. Am Ziel angekommen stand ich vor ihr. Verdattert stand ich da, denn sie machte nicht, wie erwartet für mich Platz. " Öh, entschuldigen Sie, ich würde da gern reingehen!" "Na, denn jehn se doch!" Also quetschte ich mich an ihr vorbei in den Laden. Niemand da! Nachdem ich ein paar Sekunden ratlos im Raum stand, trat die Frau im Türrahmen die Zigarette aus und kam in den Laden. Es war die Besitzerin! In Niedersachsen wäre dieser Laden mangels Kundinnen längst pleite gegangen.

Der Fairness halber muss ich sagen, dass sich die Friseurin als nette Gesprächspartnerin entpuppte und ich einen angenehmen Aufenthalt mit einem haar-technisch guten Endergebnis hatte.

So wird es wohl wie immer im Leben sein: es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Man kann annehmen, dass auch bei den Kamikaze-Radfahrern der eine oder andere nette Mensch dabei ist. Und auch die Brüller und Rempler ihre netten Seiten haben.

Der Begriff  "Berliner Schnauze" hat sich mir eingebrannt, als ich noch Kind war und meine Eltern  (und ich mit ihnen) besonders gern diese Spezies im Fernsehen ansahen. Wolfgang Gruner, ein Kabarettist und Komödiant, der mit Berliner Dialekt  als penetrante Quasselstrippe und Schnellredner das Publikum zum Lachen brachte ebenso wie der liebenswerte Suffkopp Harald Juhnke waren für mich Paradebeispiele mit original Berliner Schnauze. Als weibliche Pedants standen ihnen Edith Hanke und Brigitte Mira in nichts nach. Berlinerisch gerade heraus reden, ehrlich auf den Punkt bringen und auch mal frech antworten und ein bisschen übertreiben. Den Gesprächspartner einfach zuquatschen. Das war meine Vorstellung von Berliner Schnauze. Im Verhältnis zum allgemeinen Umgangston heutzutage und dessen Zuspitzung in Berlin war das damals geradezu liebenswert und harmlos. 

Es bleibt offen, wie es zur Verrohung des Berliners und seiner Schnauze kam. Waren es die eingewanderten Schwaben? Hat es mit dem Klimawandel zu tun? Sind es Folgen des Wendefrusts? Ist es eine Metropolstimmung? Oder geht es dem Berliner wie den Hassern im Internet: die Anonymität im großen Netz der Stadt lässt die Schranken fallen und man traut sich alles rauszuhauen, was einem einfällt.

Ich weiß nur eines: hier kann ich sein, hier kann ich bleiben! Denn die Berliner gestehen auch anderen zu, ihre Meinung für die einzig richtige zu halten und sind grandios tolerant. Hier unangenehm aufzufallen ist eine Kunst. Noch immer gilt hier das Motto des Alten Fritz: es kann jeder nach seiner Fasson glücklich werden! Also nehme ich die Berliner so wie sie sind und freue mich, dass ich hier sein kann wie ich bin. QUID PRO QUO!

Dienstag, 21. Mai 2019

Auf dem Weg zur Müllsammlerin

Neulich beim abendlichen Hundegang in der Dämmerung sah ich von Weitem einen weißhaarigen Herrn, der etwas in eine der orangenen Abfalltonnen stopfte, die an Pfosten befestigt dafür sorgen, dass der Prenzlberg zum Glänzlberg wird. Als ich näher kam erkannte ich das Unfassbare: er entnahm BÜCHER einer Aktentasche und schmiss sie in den Müll. Welch ein Frevel! Bücher in Gesellschaft von Hundebeuteln, Essensresten, klebrigen Flaschen und anderem unästhetischen Sammelsurium. Einbände und Taschenbücher verschwanden im Takt im Maul des orangen Eimers."Schmeißen Sie etwa Bücher weg?" "Ja" und er zeigte keine Reue. Wenn ich sie haben wolle, gerne. Einbände von Alice Schwarzer, der Herr der Ringe, ein Bildband über Anne Frank und ihre Zeit. Mein Helfersyndrom brauchte nicht lange um die gefaltete Einkaufstasche herauszuholen und zu retten, was zu retten war. Mit dem guten Gefühl wenigstens fünf Bücherleben gerettet zu haben, ging ich weiter meines Weges.

Was mag den Herrn dazu bewogen haben, die Bücher einem so grausames Ende zuzuführen? Sicher, es gibt Situationen, da muss man sich trennen. Auch von Büchern. Aber neben dem üblichen "Entsorgungsweg" des Verschenkens über ein Internetportal, der Abgabe im Sozialkaufhaus oder der Wohlfahrtssammlung, hat sich in unserem Stadtteil ein direkter Weg der Weitergabe entwickelt: die nicht mehr benötigten Bücher und Zeitschriften werden auf einer Mauer oder in einer Kiste an der Strasse abgelegt. Nicht lange und die Bücher finden neue Besitzer. Nicht selten war ich diese neue Besitzerin. Unter anderem gelangte auf diese Weise eine elfbändige Ausgabe von Goethewerken aus dem Jahr 1880 als Schmuckstück auf unserer Kaminumrandung. 

Unser Bücherbaum

Aber auch ein Bücherbaum in unserer Nachbarschaft ist ein gern genutzter Umschlagplatz für Literatur aller Art.

Bitte mitnehmen
Als ich nach Berlin in eine kleine Wohnung zog, musste ich aus Platzmangel viele Bücher weggeben. Dem Himmel sei Dank: meine Tochter hat nicht nur eine große Wohnung sondern auch ein großes Herz für Bücher. 400 meiner Bücher landeten als vorgezogenes Erbe im neuen Besitz. Nur die nötigsten (ca. 500) durften bei mir einziehen. Durch die oben genannten Umstände und einige Geburtstags- und Weihnachtsfeste ist der Bestand schon wieder rasant um mindestens 50 Bände angewachsen. 


Hoffnungsfroh gehe ich davon aus, das ich vielleicht noch 15-20 Lebensjahre auf Erden wandeln darf. In Büchern gerechnet dürften das so 250 sein. Da muss ich dann schon überlegen, wo ich die unterbringe. Ich hoffe nur, dass das Büchersammeln sich nicht auf anderes ausweitet, was hier so in Berlin gern an den Straßenrand "zum Mitnehmen" hingestellt wird. Hoffentlich werde ich nicht zu so einer der alten Frauen, die mit Plastiktüten bewaffnet in den Status des Jagens und Sammelns zurückfallen und zu Hause vor Gesammeltem nicht mehr durch die Wohnungtür kommen. Aber andererseits: wenn´s mich dann glücklich macht 😃

Mittwoch, 10. April 2019

Das Grauen lauert im Park

Letzten Montag musste ich zwei Stunden auf Akten warten, die ich im Landesarchiv bestellt hatte. Um die Zeit zu nutzen setzte ich mich ins Auto und fuhr ein wenig in Reinickendorf herum, um den Bezirk besser kennen zulernen. Schnell landete ich an der früheren Karl Bonhoeffer Nervenklinik. Sofort fiel mir Christiane F. aus "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ein. Für Drogenabhängige war "Bonnies Ranch" in den 70er Jahren der gefürchtete und manchmal auch rettende Ort für den Entzug . Da wollte ich doch mal einen Blick hineinwerfen, denn wie so viele alte Psychiatrien, sind auch die Gebäude der jetzigen Vivantes Psychiatrie wunderschöne Baudenkmäler. 

In einem riesigen Park mit stattlichen alten Bäumen entdeckte ich das erste Gebäude.



Aber, oh Schreck, alles von hohen Glaswänden umzäunt, mit vergitterten Fenstern und Stacheldraht geschützten Dächern. Schnell war klar: hier handelt es sich heute um eine Forensische Einrichtung für psychisch kranke Straftäter. 

Auf einem Hinweisschild erregte dann Haus 10 meine Aufmerksamkeit-hier war die Ausstellung:


"Totgeschwiegen 1933-1945" zu besuchen.


In den Räumen der Ausstellung tat sich vor mir das ganze Grauen der Beteiligung an der Aktion T4 der Nationalsozialisten zur Tötung "unwerten" Lebens, der Durchführung von Sterilisationen und von grausamen medizinischen Versuchen an Menschen, die diese kaum überleben konnten, auf.


Die Darstellung einzelner Schicksale, Videoaufnahmen von Gesprächen mit Angehörigen und Betroffenen, die bürokratischen Dokumentationen der vorgenommenen "Behandlungen", die sich wie eine sachliche Anleitung zum Töten lesen.

Beeindruckend, wie offen und ohne Vertuschen das Haus seine eigene Beteiligung und Schuld hier der Öffentlichkeit offenbart. 

Auch heute noch 
ein bedrückender Ort

Alles in allem eine Mahnung vor dem was mit Menschen, Opfern wie Tätern, passiert wenn die Gesellschaft ihre Menschlichkeit und den Respekt vor dem Leben der einzelnen verliert. Leider war ich an diesem Vormittag die einzige Besucherin.

Dienstag, 29. Mai 2018

Unter den Linden ... klebt es



Hören wir "Unter den Linden" sehen wir vor uns die Prachtstraße, die vom Brandenburger Tor zum Alexanderplatz führt. Einstmals war dieser Reiterweg angelegt worden, um das Stadtschloss mit dem Tiergarten, dem Königlichen Jagdrevier, zu verbinden. Prächtige Bauten säumen heute die pulsierende Verkehrsader mitten in der Stadt: die alte Wache, das Kronprinzenpalais, der Dom, die Staatsoper, die Humboldtuniversität, um nur einige zu nennen. 

Am Anfang Iko der Große und am Ende Friedrich der Große
Der in gemäßigten Zonen wachsende Laubbaum galt seit jeher den Germanen und den Slawen als heiliger Baum. In vielen Ortschaften gab es die mächtige Dorflinde, die einen wichtigen Treffpunkt und Versammlungsort anzeigte. Hier fand man sich nicht nur zur Brautschau und zum Maitanz sondern auch zum Thing, der germanischen Gerichtsverhandlung ein, weshalb der Baum auch als Gerichtslinde bekannt ist.

Im Brauchtum ist das Anpflanzen von Friedenslinden bekannt. Nach vielen Kriegen wurden größere Anpflanzungen vorgenommen. Da der Berliner Boulevard nach dem 30jährigen Krieg angelegt wurde, ist wohl anzunehmen, dass die 1000 um 1647 gepflanzten Linden als Friedensbäume gelten sollten.

Es ist also ein bedeutungsträchtiger Baum, diese Linde. Seitdem ich in einem Stadtviertel wohne, in dem viele Linden als Straßenbäume gepflanzt wurden, hat sich mein Blick auf dieses Gewächs etwas getrübt. Nach dem abendlichen Spaziergang ist meine Brille mit winzigen, hart gewordenen Sprenkeln bedeckt, die den Ausblick verschwimmen lassen. Die Sprenkel, die sich nur unter fließendem Wasser abwaschen lassen, stammen vom Honigtau, der in diesen Sommertagen im Übermaß von den Linden herabtropft. Ein lieblicher Name für eine klebrige Substanz, die bei Lichte betrachtet aus den Fäkalien von Blattläusen besteht. Wie viele dieser Plagegeister müssen auf den Bäumen zu Hause sein, um über Wochen das stetige Tropfen zu verursachen? Die Bürgersteige sind so vollgelaufen, dass die Schuhsohlen am Pflaster festkleben. Bei Nacht wundert man sich über laut schmatzende Geräusche auf den Straßen. Es sind junge Leute, die mit ihren Sneaker Gummisohlen besonders gut festkleben und mit jedem Schritt ihre Schuhe der Klebemasse entreißen müssen.



Manch Autofahrer hat ganz sicher Linden-Mordvisionen, denn die Klebe entwickelt phänomenale Haltekräfte auf dem Autolack. Besonders die Mischung von Staub, Pollen und Klebe ergibt eine feste Spachtelmasse, die nur mit der teuersten Autowäsche mit Vorwaschgang zu beseitigen ist. Die Rezeptur dieser Masse sollte man sich für Fälle zu eigen machen, in denen Materialien nicht dort bleiben, wo sie hingehören. Da Parkplätze in der Stadt ohnehin Mangelware sind, ist es der reine Luxus, einen Parkplatz zu finden, der nicht von einem Baum überdacht wird. Man ist also der bösen Seite des Baumes ausgeliefert. Diese hat schon in frühester deutscher Geschichte Unheil gebracht: war es nicht ein klebriges Lindenblatt, dass den unbesiegbaren Siegfried zu Fall brachte?

Trösten wir uns also in den nächsten Wochen mit der Tatsache, dass viele Insekten (eben nicht Läuse, die ihn ausscheiden!) den süßen Saft lieben und die Bienen einen besonders leckeren Honig daraus machen.